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Georg und Ernst Luther in Keilhau

Matthias Brodbeck

Auf einer Reise nach Berlin im Jahre 1817 erfuhr Friedrich Fröbel, daß man Luther zum 300. Jubiläum der Reformation ein Denkmal von Eisen setzen wollte. Dieser Gedanke gefiel ihm nicht, und er faßte nach seiner Rückfahrt den Gedanken eines "lebendigen Denkmals". (vgl. König, H. 1983)

Fröbel hatte Kenntnis davon erhalten, daß in dem Ort, aus dem die Vorfahren Luthers stammten, in Möhra im heutigen Kreis Bad Salzungen, Nachfahren der Familie Luther in tiefster Armut als Tagelöhner ihr Dasein frißten mußten. Zwei von ihnen holte er nach Keilhau. Es handelte sich um Georg und Johann Ernst Luther, damals 18 und knapp 13 Jahre alt. Fröbel selbst äußerte dazu, es könne ". . . der letzte Zweck doch nur sein . . . sie in einen Zustand zu versetzen, der es ihnen möglich machte, ihren Nachkommen diejenige Bildung zu geben, durch welche es nachmals den geistig begabteren leicht würde, sich fortzubilden und aus den engen, ärmlichen Grenzen des Hirten - und Tagelöhnerlebens herauszustreben." ( Fröbel, F. 1817)

In seinen Erinnerungen an die Keilhauer Zeit beschreibt Dr. Chr. Ed. Langethal die Ankunft der beiden Luthers in Keilhau. "Als nun das Frühjahr 1819 kam, traten eines Tages, als wir eben bei 'Hainolds' Singestunde hatten, zwei Bauernburschen herein, in Begleitung von Fröbel, der eine Reise gemacht hatte. Sie befanden sich in ihrem größten Staate, trugen blaue Jacken, kurze, gelblederne Beinkleider, graue Strümpfe mit roten Zwickeln, Lederschuhe mit Schnallen, und auf ihrem Kopfe saß eine weiße, rotgestreifte Zipfelmütze, deren baumwollener Quast an einer Seite ganz gemütlich herabhing. Sie waren aus Möhra bei Salzungen, wo ihr Vater die Rinderherde hütete.

Der älteste, 18 Jahre alt, nannte sich Hanjörge, der jüngere, fast 13 Jahre alt, sprach seinen Namen Hanaarnst aus. Beide hatten eine sehr gurgelnde Aussprache, die in dem dortigen Bauerndeutsch geführt wurde, welches aber so abweichend von unserem Deutsch war, daß wir sie nicht verstehen konnten. Wir erfuhren, daß sie die Nachkommen eines Bruders des Dr. Luther seien, die man genommen habe, weil die Nachkommen von Dr. Luther bereits ausgestorben wären.

Der jüngere hatte bisher noch die Schule besucht, mochte aber wenig hineingekommen sein, weil er bloß buchstabieren konnte. Der ältere aber war weit geschickter als sein Bruder, konnte stockend lesen und auch seinen werten Namen schreiben; leider stand aber der Mund ihm offen.

Das waren nun die beiden lebendigen Denkmäler des großen Luther, und wir wurden von ihnen wenig erbaut. Das ganze Unternehmen war eigentlich von Fröbel sehr gewagt; der Eindruck, den der älteste dieser Burschen machte, hatte so wenig Empfehlendes gehabt, daß man ihn schon von Eisenach, wo er sich früher gemeldet hatte, mit der Bedeutung wieder heimschicken mußte, daß er zu alt für eine bessere Ausbildung sei. Aber die Sache machte sich dennoch, und gerade beim älteren, von dem man am wenigsten erwartete, hatten die Bemühungen der drei Freunde einen recht guten Erfolg. Ernst, der jüngere Luther, mit manchen Untugenden behaftet und von störrigem Charakter, machte den Lehrern viel Not; zumal er dabei noch sehr träge war und wenig Sinn für die Wissenschaft zeigte. Dem ungeachtet brachte man ihn doch so weit, daß er seine Unarten ablegte und in Kenntnissen wenigstens so viel erwarb, um sich der Architektur widmen zu können.

Georg, der ältere Luther, war dagegen ein guter, gemütlicher Mensch. Die Natur hatte ihn zwar weder mit einem glücklichen Gedächtnisse, noch auch mit einer leichten Fassungsgabe beschenkt; aber er setzte dagegen unermüdlichen Fleiß und eiserne Willenskraft ein. Ein Pfarrer, wie sein großer Ahnherr wollte er werden, und dahin ging sein Ziel; aber das zu erlangen fehlte sehr viel. Er mußte erst nachholen, was Kinder lernen, und alle mechanischen Arbeiten, besonders das Schreiben, wurden seinen verknöcherten Händen sauer genug. Der schleppende Gang der Fröbel'schen Lehrmethode war für diesen Georg wie gemacht, weil die geringe Beweglichkeit seines Geistes durch ihn erstarkte.

Freilich durfte man nicht erwarten, daß ein junger Mensch, der erst im 18. Jahre Lesen, Schreiben, Rechnen und die Kenntnisse erwerben muß, die ein Sextaner hat, schon nach sechs Jahren ein fertiger Primaner sein kann; denn wer erst im 18. Jahre die Sexta bezieht, kann im 24. Jahre bei sehr mäßigen Talenten kein vollendeter Primaner sein. Die Tübinger Professoren schienen aber hierin andere Meinung zu haben, denn als Georg Luther 1825 die dortige Universität bezog und allerdings noch kein Maturus genannt werden konnte, schoben sie auf Keilhau die Schuld, die, nach meiner Meinung, bloß in den Umständen lag.

Uebrigens wird Georg Luther gewiß das Fehlende später bald nachgeholt haben, da er sein Studium mit unermüdlichem Fleiße betrieb. Sein Ziel, ein tüchtiger Pfarrer zu werden, hat er erreicht, und daß er es aus einer so tiefen Stufe durch große Arbeit und Mühen errang, gereicht ihm gerade zum doppelten Ruhme."

Die Dokumente über die beiden Luthers aus der Keilhauer Zeit sind nicht allzu zahlreich. In Möhra ist als Dokument aus jener Zeit ein Brief zu finden, den Fröbel am 11. Mai 1818 an den dortigen Pfarrer Arnold schrieb und in dem er sich lobend über die Entwicklungsfort- schritte von Georg und Ernst äußert sowie das große Interesse hervorhebt, welches der "Verein für ein lebendiges Denkmal Dr. M. Luthers" gefunden hat. über Georg Luther berichtet Christian Zeh, der in Zusammenhang mit den nach dem Treffen der deutschen Burschenschaften 1817 auf der Wartburg einsetzenden "Demagogenverfolgungen" in fürstlicher Mission die Keilhauer Anstalt zu überwachen hatte: "Zöglinge waren bei meinem letzten Besuche 50, von denen Georg Luther auf die Universität abgegangen ist, um Theologie zu studieren." (Bericht über ... 1825, S. 779)

Ernst blieb bis 1825 in der Keilhauer Anstalt und hielt seinem Lehrer bis zu dessen Tode die Treue. Aus Dankbarkeit fertigte er den von Middendorff entworfenen ersten Grabstein Fröbels, der die Spielgaben Kugel, Walze und Würfel symbolisiert. Dieser Stein steht heute unweit des Marienthaler Schlößchens, dem Ort, an dem Fröbel 1850 die erste Kindergärtnerinnenschule der Welt gegründet hatte und wo sich am 21. Juni 1852 sein Leben vollendete.

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