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Beiträge und Informationen zu Friedrich Fröbel

Tell me, where do the children play - Sag mir, wo spielen die Kinder

In einer seiner unter dem Thema „Aufarbeitung der Ver­gangen­heit“ gesammelten Vorlesungen und Reden stellte der Philosoph Theodor W. Adorno fest, dass ein Anlass - wie für uns heute und hier „20 Jahre Neuer Thüringer Fröbel­verein“ - leicht zu dem verführen könnte, was man „Würdigung“ nennt.

Aber dieser Begriff –so Adorno weiter - sei unerträglich geworden. Melde er doch den unverschämten Anspruch an, dass der, der das fragwürdige Glück besitzt, später zu leben und berufsmäßig mit dem befasst ist, über den er zu reden hat, damit souverän dem Toten seine Stelle zuweisen und somit gewissermaßen über ihn sich stellen dürfe.

Und wohl klingt in der Fragestellung, was uns Fröbel heute bedeute, auch ein wenig von derartiger Anmaßung mit.

Immer gern genutzt ist auch „das Licht der Gegen­wart“, um Vergangenes zu beleuchten. Aber auch hier melden sich leise Bedenken an. Unterstellt eine solche Formulierung nicht dem Vergangen a priori, dunkel gewesen zu sein?

Vor 20 Jahren ging es exakt in diesem Raum darum, Fröbel vor einer Entwürdigung zu bewahren. Wie soll man es anders bezeichnen, was eine sich in der Aura der Kultur wähnende Geschäftsfrau vorhatte, die mit ihrer – nennen wir es einmal Idee – versuchte, eine allen Thüringer Fröbelfreunden als windig erscheinende Firma aus Nieder­sachsen zu holen, die mit Fröbel als Markennamen Geld verdienen wollte – mit Produkten, die so gar nichts mit Fröbel zu tun hatten – Schokoladentaler und Marzipan­schweinchen zum Beispiel.

Man wollte die Eigentumsrechte über den Fröbelschen Nachlass erwerben und damit wohl die Kontrolle darüber erhalten, was wer mit Fröbel tut. Zumindest war in den Papieren die Absicht zu lesen, dass man in Zukunft keine „konkurrierenden Aktivitäten“ zulassen wolle.

Den Erwachsenen, die da gerne ganz schnell bereit sind, Demokratiedefizite vor allem bei jungen Menschen zu entdecken sei ins Stammbuch geschrieben: Demokratie – das ist auch der Wettstreit konkurrierender Aktivitäten!

Wir wollten einem solchen Vorgehen etwas entgegensetzen und nicht kleinlaut kuschen und Friedrich Fröbel verraten. Das war der Impuls, der zur Gründung des „Neuen Thüringer Fröbelvereins“ führte.

Einem Mozart vermochten Marzipankugeln ja vielleicht nicht zu schaden – aber Friedrich Fröbel?

„Fröbel – den kennt ja kaum noch jemand.“– Wie oft habe ich diesen Satz schon vernehmen müssen.Natürlich weiß ich, dass dies so nicht stimmt. Leicht ist man dann aber – warum auch immer - geneigt zu antworten

„In Deutschland mag das so sein“.

Schon zu seinen Lebzeiten begann man ja in Deutschland, sich um das Vergessen Fröbels zu bemühen. Hatte man hier doch bereits 1851 in den preußischen Gebieten Fröbels Kindergärten verboten.

Der Versuch, die Kindergartenidee in einem Teil Deutsch­lands zu unterdrücken erreichte aber das Gegenteil in höchster Vollendung – nämlich deren Siegeszug in der Welt.

Viele seiner Marienthaler Schülerinnen waren nach dem preußischen Kindergartenverbot ins Ausland gegangen und hatten die Idee somit weltweit zu verbreiten begonnen - ein Treppenwitz der Geschichte, wie er wohl so selten nicht ist.

Das Preußische scheint in der Tat etwas Mephistophelisches zu haben. Goethe lässt Mephisto sagen:

„Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“

Und wäre Fröbel nicht schon zu kränklich gewesen – er wäre auch gegangen – er trug sich ernsthaft mit Plänen, nach Amerika auszuwandern. Vielleicht mag er auch ein Wenig überdrüssig dessen gewesen sein, in Liebenstein und Schweina als „der alte Narr“ bezeichnet zu werden, der tagtäglich auf Wiesen mit Kindern umherspringe.

Aber: Wie würde unsere heutige Welt mit einem fast 70jährigen Mann umgehen, der mit Kindern singend und tanzend durch die Straßen zieht?

Seine Wortschöpfung“Kindergar­ten”ist vermutlich eines der Worte deutschsprachigen Ursprungs, welche in die meisten Sprachen der Welt unverändert übernommen wurden. Wie gehen wir aber in Deutschland mit diesem Wort und damit wohl auch mit seiner Bedeutung um?

Im Deutschenbürgert sich unreflektiert der Amerikanismus “Kids” ein und der terminus technicus “Kindertagesstätte” (KITA) verschleiert die Motive, die einst zu den Worten Kindergarten, Kinderkrippe und Kinderhort führten.

Zu den besonderen Verdiensten Fröbels gehört, als einer der ersten die Bedeutung der Kindheit als eigenständiger Entwicklungsphase des menschlichen Lebens erkannt zu haben. Fast noch verdienstvoller ist die Konsequenz zu nennen, mit der er das einmal Erkannte auch umsetzte.

  • Er gewann – wohl auch bedingt durch das Erlebnis fehlender Liebe und Zuwendung in der eigenen Kindheit nach dem frühen Tod seiner Mutter – die Erkenntnis der Bedeutung von Kindheit.
  • Er entwickelte darauf fußend seine pädagogische Theorie,
  • Er schuf – um den, wie er es nannte – „Tätigkeitstrieb“ zu bedienen, ein ganzheitliches System von Spiel- und Beschäftigungsmaterialien.
  • Er gründete mit dem Kindergarten die all diese Erkenntnisse realisierende Institution und schließlich
  • Sicherte er auch die Umsetzung seiner Ideen durch die Schaffung eines entsprechenden Berufsbildes.

Ich möchte sogar noch etwas weiter gehen:

  • Er entwarf eine als revolutionär zu nennende Sicht auf das Kind, die wir – so scheint es – bis heute noch nicht wirklich realisieren, denn:

Welche Sicht auf das Kind hat jemand, der davon spricht, Kinder auf das Leben vorzubereiten?

Mit Verlaub: Die Vorbereitung von Leben ist allenfalls eine kurze Episode im Leben künftiger Eltern.

Kindheit ist nicht die Vorbereitungauf das Leben, Kindheit ist Leben, das Leben selbst – und – so bleibt zu hoffen – für die meisten Menschen noch dazu der Lebensabschnitt, an den sie sich bis zu ihrem Ende wohl am liebsten erinnern.

Hartnäckig hält sich aber leider immer noch ein Denken, imSpielen und im Lernen nicht auch schon Sein, sondern vor allem Vorbereitung auf ein künftiges Sein zu sehen.

Manwird Fröbel nicht gerecht, wenn man seine pädago­gische Leistung allein auf den Kindergarten verkürzt –
vor allem dann nicht, wenn man diesen nur als Institution des Vorbereitens sieht.

Wie auch seine Spielgaben eine in sich stimmige Gesamt­heitergeben, so dachte er nach meinem Dafürhalten auch hinsichtlich der Gestaltung von Lern- und Entwicklungs­prozessen Gesamtheits- und Seinsbezogen.

Seine Pädagogik besteht aus drei tragenden Säulen - mindestens:

Die erste Säule - die frühkindliche Pädagogik, sprich: Kindergarten

Der Kindergarten war gedacht als Institution zur Unter­stützung der Familienerziehung.

Mit dem Kindergarten wurde ein pädagogisches Konzept verfolgt, das den Bildungs- und Entwicklungsanforderungen der Kinder entsprach. Damit hob sich dieser qualitativ von damals schon existierenden “Kinderbewahr­anstalten” ab.

Hier drängt es mich, einen Exkurs zu machen:

Kinderbewahranstalten hatten also quasi nur eine Betreu­ungsfunktion – und selbst diese war zumeist beschränkt auf „Kinder aufbewahren und vor Gefahren weitestgehend schützen“. Inwieweit hier zur Betreuung dieBefriedigung weiterer physischer Grundbedürfnisse (Essen, Trinken, Schlaf, Sauberkeit, Kleidung, …) zählte, entzieht sich meiner Erkenntnis. Das mag von Ort zu Ortunterschiedlich gewesen sein.Bildung und Erziehung jedenfalls standen noch nicht auf der Agenda.

Die TriasvonBildung, Erziehung und Betreuungist Wesensmerkmal des Kindergartens. Mehr noch - Fröbel entwarf den Kindergarten so, dass Bildung, Erziehung und Betreuungin der Einrichtung (damals: Anstalt) und im Elternhaus verbunden wurden. –

Der Kindergarten als Institution zur Unterstützung der Familienerziehung. Hier werde ich politisch – obwohl dies sich in einer Festrede ja eigentlich gar nicht geziemt.Da ich jetzt hier stehe,kann und darfich aber nicht anders.

Letztlich sagte ein Radiomoderator zum Thema Betreuungs­geld den Satz: „Eigentlich ist ja schon alles gesagt, nur noch nicht von jedem.“                                 Irrtum, mein Herr!!!

Wer Familienerziehung und Erziehung und Betreuung im Kindergarten als Alternativen betrachtet (sie quasi mit dem der Konjunktion „oder“ statt mit „und“ verbindet), scheint Fröbel nicht verstanden zu haben!

Wie sehr würde ich mir wünschen, dass man sich hier auf auf Fröbel besänne und fragen würde: Wie gestalten wir unsere Kindergärten noch stärker so, dass sie im Sinne Fröbels zu Orten werden,

  • aus denen die Familienerziehung Impulse gewinnt,
  • die aber auch Impulse aus den Familien aufnimmt und
  • die Familien aktiv beteiligt?

Wie sehr würde ich mir wünschen, dass diese Frage in der augenblicklichen Diskussion zur goldenen Brücke werden könnte!

Die zweite Säule - Schulpädagogik

Die erste Fröbelsche Gründung war die “Allgemeine Deutsche Erziehungsanstalt”, die am 13. November 1816 zuerst im Dörfchen Griesheim bei Stadtilm gegründet wurde und im Juni 1817 nach Keilhau umzog.

Hier veröffentlichte er neben Werbeschriften auch sein pädagogisches Hauptwerk – die “Menschenerziehung”.

„Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“– wir erinnern uns an das Mephistophélische des Preußentums …

Keilhauer Zöglinge – unter ihnen Julius Fröbel, ein Neffe des Pädagogen – liefen eines Tages um das Jahr 1820 über den Erfurter Domplatz. Die Keilhauer Anstaltskleidung und die dort übliche längere Haartracht waren einem preußischen Unteroffizier ein Dorn im Auge. Er zog Julius Fröbel - seinem Unmut auch verbal Luft machend - an den Haaren.

Julius Fröbel schrieb später vom Beginn einer lang genährten besonderen Feindschaft gegen das Königreich Preußen.

Was wurde aus diesem Langhaarigen?

Er war im Revolutionsjahr 1848/49 Abgeordneter der Natio­nalversammlung, die unter den Farben Schwarz-Rot-Gold in der Frankfurter Paulskirche tagte und Deutschland den ersten Entwurf für eine demokratische Verfassung brachte.

Er saß wenig später in Wien als Revolutionär mit Robert Blum in Festungshaft. Beide wurden zum Tode verurteilt, Während Robert Blum für die Sache der Demokratie hingerichtet wurde, wurde Julius Fröbel allerdings begnadigt.

Haartrachten scheinen als Indizien auf künftige individuelle Entwicklungsverläufe tatsächlich nicht viel zu taugen …

Gehen wir wieder 20 Jahre zurück nach Keilhau:
1828/29 unterbreitete Friedrich Fröbel Vorstellungen von einer Volkserziehungsanstalt, die Kinder vom Vorschulalter bis zur Berufsausbildung bzw. Hochschulreife führen sollte.

Dieser Plan sollte in Helba bei Meiningen (BILD)verwirklicht werden. Er symbolisiert die eigentlichen Fröbelschen Bestre­bungen, von denen die Vorschulpädagogik nur als ein – wenn auch sehr wichtiger -  Teil gesehen werden sollte.

Aus verschiedenen Gründen wurde dieses Projekt nicht am Orte Helba verwirklicht, floss aber in die inhaltliche und strukturelle Gestaltung der Keilhauer Anstalt ein.

Zum sogenannten Helba-Plan habe ich eine interes­sante kleine Geschichte für Sie gefunden:

In einem der Briefe, die 1828/29 in Sachen Volkserziehungs­anstalt zwischen Fröbel und dem Meininger Hof hin und her gingen, befasste sich Fröbel mit den zwei für die Anstalt ins Auge gefassten Orten – Dreißigacker und Helba.

Aus seiner Sicht gab für Helba neben anderen Gründen den Ausschlag, dass dieses Gut in einem Tal gelegen sei, während das Anwesen Dreißigacker auf einer Anhöhe läge.

Er äußerte sinngemäß, dass Täler Orte der Samm­lung und Anhöhen eher Orte der Zerstreuung seien und damit ein im Tale gelegener Ort eher für eine Erziehungsanstalt tauge.

Bereits 1817 – beim ersten Besuch des Anwesens der künftigen Keilhauer Anstalt soll Fröbel ja bereits den Satz „Was für ein Erziehungstal!“ geprägt haben.

Da kommen mir die Worte eines angesehen Fröbelfor­schers wieder in Erinnerung, der mir einmal sagte:

„Seien wir einmal ehrlich, der Fröbel war hin und wieder auch ein ganz schöner Spinner.“

Das mag manchmal tatsächlich so erscheinen. Und vielleicht ist das mit den Tälern und den Anhöhen auch wirklich weit hergeholt. – Vielleicht!

Aber vielleichtist es ja trotzdem nicht so ganz egal, wo eine Schule steht! - Die Keilhauer Schule steht am Ende eines Tales, so dass mancher geneigt ist, vom Ende der Welt zu sprechen. Aber: Wenn Du meinst, am Ende der Welt zu sein, dann hilft vielleicht, sich einfach nur umzudrehen!

Die Keilhauer Anstalt durchlebte eine wechselvolle Geschichte. Wie wir sie hier heute vorfinden – das ist vielen Menschen zu verdanken. Man kann sie nicht alle nennen – aber erlauben Sie mir – quasi stellvertretend für die vielen – ein paar doch hervorzuheben.

Alexander Hübener – Du hast in Zeiten, da vieles nicht möglich war, manches möglich gemacht, Keilhau – das sind für mich auch immer Deine Geschichten. Und Du hast einen Schatz gerettet – wertvolle Bücher – teilweise von höchstem historischen und antiquarischen Wert waren zum Verheizen vorgesehen. Du hast diese Bücher gerettet!

Gabi Wächter – als der „wind of change“ kräftig wehte, gehörtest Du zu denen, die es schafften, dass die Keilhauer Schule nicht vom „vom Winde verweht“, sondern stärker wurde. Du hast dabei nie Fröbel in Frage gestellt. Und Du hast den Diskurs mit dem Verein gewagt, als es darum ging, den richtigen Träger für die Schule zu finden.

All die Pädagoginnen und Pädagogen, die mit Liebe und Professionalität hier tagtäglich ihre Arbeit tun seien bedankt und sie mögen mir verzeihen, dass ich am Beispiel zweier Nicht-Pädagogen sage, dass eben die Liebe zum Kind der erste Schlüssel zum Erfolg ist! Jochen Marquar und Robert Nauer – ich gebe es zu – ein wenig stolz bin ich schon, dass wir es als Verein in nicht leichter Zeit geschafft haben, zwei Menschen dauerhaft in Arbeit zu bringen – dafür allein hat sich die Vereinsgründung schon gelohnt! Was ist auch durch Euch alles erreicht worden – überall finden sich hier Eure Spuren.

An einen denke ich ganz besonders. Er ist leider nicht mehr unter uns. Viel seines Herzblutes steckt fast in jedem Winkel hier. Das Projekt „Polytechnik und Natur“ trägt seine Handschrift, der Epochenunterricht in Keilhau war sein großer Traum – nicht immer ging es ihm rasch genug vorwärts, nicht immer fühlte er sich richtig verstanden. Aber mit diesem Gefühl war er ja nicht alleine. Wolfgang Anschütz – viele Deiner Träume sind produktiv geworden und ich wünschte, Du könntest dies erleben. Welche Ideen und Träume hättest Du noch haben können? Wir geben uns auch in Deinem Sinne Mühe, es zu ergründen.

Die dritte Säule - Berufs-Pädagogik

Hier handelt es sich um den am wenigsten wahrgenomme­nen Teil Fröbelschen Wirkens.

Nach der Gründung des Allgemeinen Deutschen Kinder­gartens (1840 in Bad Blankenburg) erkannte er recht schnell, dass für den Erfolg der Kindergartenidee (mit heutigen Worten) “Multiplikatoren” nötig waren.

Diese wurden zuerst in Kursen ausgebildet.1850 gründete er dann im Schlösschen Marienthal bei Bad Liebenstein und Schweina die erste Kindergärtnerinnenschule der Welt und hob damit diese Bestrebungen nochmals auf eine höhere und nachhaltigere Qualitätsstufe.

Es handelte sich damit um eine der ersten säkularen Berufs­ausbildungs-Einrichtungen für Frauen in Deutschland. Und ich gehe heute und hier – es vielleicht ein Wenig auf die Spitze treibend – noch weiter:

Bedingt durch das preußische Kindergartenverbot von 1851 und das damit verbundene Emigrieren vieler Fröbel-Schüle­rinnen ins Ausland begann der Siegeszug der Kindergarten­idee in der Welt auch mit dem Marienthaler Fröbelseminar!

Gibt es eine vierte Säule?

Relativ weit ab von der Fröbel-Wahrnehmung in Deutsch­land wird vor allem in Übersee Fröbel als einer der Inspira­toren der modernen Kunst und Architektur diskutiert.Auslöser dieser Diskussionen war das Buch “Inventing Kindergarten” des amerikani­schen Architekten Norman Brosterman. (BILD)

Bereits 1924 hatte der Direktor des Staatlichen Bauhauses Weimar, der weltberühmte Architekt Walter Gropius in der Zeitschrift “Kindergarten” Pläne für ein Projekt für ein Frie­drich-Fröbel-Haus in Bad Liebenstein veröffentlicht.(BILD)

Diese Pläne wurden nicht realisiert, u.a. weil politische Gründe zum Weggang des Bauhauses aus Weimar nach Dessau führten. Neuere Nachforschungen ergaben, dass es wohl nicht nur die politische Großwetterlage war, sondern dass den damaligen Entscheidern Mut und Weitblick fehlten. (Bild Gegenentwurf)

Schade – denn wir müssten uns – diesen Aspekt Fröbel­schen Nachwirkens betreffend – nicht hauptsächlich auf amerikanische Literatur stützen.

Gropius baute stattdessen in diesen Jahren dann u.a. das Bauhaus Dessau.(BILD)

Auch in Bildern und Entwürfen von Paul Klee, Wassily Kandinsky, Lyonel Feininger u.a. tauchen immer wieder Motive auf, die entsprechendes Inspiriertsein auch durch die Fröbelschen Spielgaben vermuten lassen.(BILD)

Mir persönlich ist unbegreiflich, warum dieser Aspekt in der Fröbelrezeption in Deutschland seit mehr als 15 Jahren zwar bekannt ist – 1997 erschien Brosterman’s Buch – jedoch bisher kaum eine Rolle spielt.

Wenn ein pädagogischer Ansatz, ein pädagogisches Instru­mentarium wie Fröbels Spielgaben in der Lage ist, viele Jahrzehnte nach dem Tode seines Schöpfers derartige Potentiale zu entfalten, so muss das Grund genug sein, weitere Fragen zuzulassen und nicht zu verdrängen.

Frank Lloyd Wright (BILD)äußerte in seiner Tonband­biographie:

„Diese frühe Kindergarten-Erfahrung mit der geraden Linie; der flache Ebene, dem Quadrat, dem Dreieck, dem Kreis!

Wenn ich mehr wollte, ergab das Quadrat durch das Dreieck modifiziert das Sechseck - der Kreis durch die gerade Linie modifiziert das Achteck.
Durch Hinzufügen von „Dicke“ - und somit Räumlichkeit erhaltend - wurde aus dem Quadrat der Würfel, aus dem Dreieck das Tetraeder, aus dem Kreis die Kugel.
Diese primären Formen und Figuren waren das Geheimnis aller Effekte ... welche jemals die Architektur in die Welt gebracht hat ...“

Es gab und gibt ja wohl auch die nicht so berühmten, die vielleicht nicht der Nachwelt die Ideenerweckungen ihrer Kindheit vermittelten.Aber vielleicht wurden ja auch sie angeregt, inspiriert?

Vielleicht waren und sind gute Handwerker unter ihnen, Ingenieure, Mathematiker und Erzieherinnen und Erzieher …

Vielleicht haben sie aber auch einfach nur später ihre eigenen Kinder besser verstehen können und gewusst, was Kinder wirklich brauchen - Zeit und Anregungnämlich – das ist es, was wir hier vor Augen gehalten bekommen.

Die „Sicht auf das Kind“ zeigt sich ja nicht nur darin, ob der Erwachsene Kindheit als „Vorbereitung auf das Leben“ oder eben schon als Leben selbst sieht.

Sie wird auch offenbar darin, welche Rolle der Erwachsene der Pädagogik, der Bildung und Erziehung zuschreibt.

Die einen meinen, Wissen in das Kind hineinbringen, ggf. hineinstopfen zu müssen. Die anderen halten es eher mit Fröbel, nämlich Zeit zu geben, das im Kind Angelegte zu entdecken, ihm bei der Stärkung seiner Stärken zur Seite zu stehen, ihm Anregung, Inspiration zu geben.

Schule darf nicht versuchen, den Menschen nur für ein bestimmtes Gewerbe und für eine bestimmte Zeit – sprich: für einen bestimmten Zeitgeist – tauglich zu machen, sie könnte nämlich genau damitdie Probleme der Zukunft “produzieren”. Ein Beispiel dafür gefällig?

Ich erinnere mich an eine der typischen 1.-Mai-Demos in der DDR - Anfang oder Mitte der 70er Jahre. Da trugen blaube­hemdete Schülerinnen und Schüler mit verordnetem,viel­leicht manchmal auch tatsächlichem Stolz ein Transparent mit der Aufschrift:„75% unserer Jungen werden Bauarbeiter“.

Bauarbeiter sind wichtig, man braucht sie immer – aber 75% - da werden viele überredet bzw. gezwungen worden sein.

Was ist aus diesen 20 Jahre später geworden? Was wäre aus Manchem geworden, hätte er seinen vielleicht ursprünglich erwünschten Beruf ergreifen können? Haben die Überreder eventuell 1990 daran gedacht, was sie Jahre zuvor ange­richtet hatten und sich vielleicht sogar ein Wenig geschämt?

Wo spielen die Kinder?

Fröbel schrieb 1826 in der „Menschenerziehung“:

“Wollen wir denn nie aufhören, unsere Kinder, Knaben und Schüler gleich Münzen zu prägen und sie mit fremder Aufschrift und fremdem Bildnisse prangen zu sehen ...”

Albert Einstein wurde einmal gefragt, wie er zu dem großen Wissenschaftler wurde.

Er soll gesagt haben, dass er das nicht mehr wisse, nur dass er staunte, wie der Mond am Himmel hielte und er sich dieses kindliche Staunen vielleicht bewahrt habe.

Fröbel erkannte, dass die Betrachtung der Natur und der Menschenwerke Staunen und die Entdeckerfreude hervor­bringen. Sehnsucht nach der “Vorwelt” treibe Kinder in die tiefsten Höhlen.

Dem bedeutenden Kirchenlehrer des 13. Jahrhunderts, Thomas von Aquin, wird der Satz zugeschrieben:

“Das Staunen ist eine Sehnsucht nach Wissen.”

Das Staunen und seine Bedeutung scheint ein noch zu wenig beleuchteter Aspekt der Kindesentwicklung zu sein. Ich konnte in der pädagogischen Literatur dazu kaum etwas finden, denke aber, dass es Momente in der Kindheit gibt, in denen Staunmälermehr als Denkmäler bewirken können!

Fröbel selbst mochte steinerne oder eiserne Denkmäler, ohnehin nicht. Vielmehr betrachtete er seine Gründungen als lebendige Denkmäler.

Im Zusammenhang mit den Ereignissen um das 300. Refor­mationsjubiläum im Jahre 1817 erfuhr er auf einer Reise nach Berlin, dass man Luther ein Denkmal von Eisen setzen wollte. Dieser Gedanke gefiel ihm nicht - "lebendige Denkmäler" waren mehr nach seinem Sinn.

Im Stammort der Luther-Familie, in Möhra, waren unter den 1817 lebenden Nachfahren auch Georg und Ernst Luther, damals 18 und 11 Jahre alt. Diese holte Fröbel schulgeldfrei nach Keilhau.Er wollte damit seinem "großen Glaubenshel­den" ein "lebendiges Denkmal" schaffen, indem er die beiden...“in einen Zustand zu versetzen(versuchte),der es ihnen möglich machte, sich fortzubilden und aus den engen Grenzen des … Tagelöhnerlebens herauszustreben."

Georg Luther studierte später tatsächlich Theologie. Ernst blieb bis 1825 in Keilhau. Aus Dankbarkeit fertigte er den von Middendorff entworfenen ersten Grabstein Fröbels, der die Spielgaben Kugel, Walze und Würfel symbolisiert.

Der Gedanke, großen Menschen lebendige Denkmäler zu schaffen, durchzog das gesamte weitere Leben Fröbels. So war die Gründung des "Allgemeinen deutschen Kindergar­tens" 1840 in Blankenburg dem 400. Jubiläum der Erfindung des Buch­druckes durch Gutenberg gewidmet. - Und mit dem Kindergarten hat sich Fröbel ja selbst sein "lebendiges Denkmal" geschaffen, welches "tote Standbilder" entbehrlich macht.

2017 scheint noch weit – 5 Jahre sind eine lange Zeit und eine kurze! In 5 Jahren besteht die Keilhauer Anstalt 200 Jahre. Und da es sich dabei auch wieder um ein Lutherjahr handelt, werden wir es nicht gar so leicht haben, Fröbel vor diesem Hintergrund die gebührende Aufmerksamkeit zu schaffen – obwohl: die Bezüge zu Luther sind ja da!

Ich schlage vor, mit dem Vorbereiten des großen Keilhauer Jubiläums noch heute zu beginnen!

Keilhau war einer der wesentlichen Kulminationspunkte im Leben und Schaffen eines Menschen, den man heute in der ganzen Welt kennt, der aufgrund dessen, was er den Menschen gegeben hat, weltweit bekannt ist, der aufgrund seiner Weltsicht in der ganzen Welt verstanden wird.

Fröbel gehört neben Luther zu den wirklichen Thüringer Weltbürgern!

Wir dürfen seinetwegen – nicht unseretwegen – dabei auch ein wenig unbescheiden sein!

Ein erster Schritt – und hier haben erste Gespräche mit den Stadtvorderen der Fröbelorte schon Hoffnung machende Ergebnisse gebracht, wäre die Schaffung einer Fröbelstraße durch Thüringen. Lassen wir uns gemeinsam versuchen, die Thüringer Fröbelorte durch ein solches Band näher zusammenzubringen!

Lassen Sie uns gemeinsam versuchen, Fröbel lebendige Denkmäler zu gestalten, auf dass man ihn auch im Lande seiner Geburt und seines Wirkens besser kennte!

In den letzten Jahren wird bezüglich der Auseinander­setzung mit Person, Leben, Werk und Nachwirkung Fröbels das Bemühen um Authentizität deutlich. Die Scheidung des Authentischen vom nur vermeintlich Echten oder gar vom Gefälschten ist 160 Jahre nach dessen Tod eine Heraus­forderung – waren die Zwischenzeiten doch geprägt von unterschiedlichsten Mächten und Interessen. Und gar zu gerne bedientendie sich auch Fröbels.

Man kann wohl nicht sagen, dass die öffentliche und teil­weise auch die akademische Widerspiegelung Fröbelscher Pädagogik damit immer wieder verbundene Uminter­pretierungen schadlos überstanden hat.Vielleicht tun wir uns heute auch manchmal deshalb schwer mit Fröbel?

Denkbar erscheint aber auch, dass der Zugang zu Fröbel im Ausland deshalb leichter sein könnte, weil Übersetzer des­sen Texte von sprachlichen “Stolpersteinen” befreit haben.Die Lektüre Fröbelscher Texte ist in der Tat nicht einfach.

Die Nestorin der Fröbelforschung in Deutschland, Erika Hoffmann (1902-1995), die ich kurz vor ihrem Tode auch hier in Keilhau noch kennenlernte, fand dazu die Worte:

"Und doch liegt hinter diesem verschnörkelten Gestrüpp von schlechten Reimen und schwärmerischen Ergüssen ein Reichtum an Kinderkenntnis und pädagogischer Einsicht, den ein geduldiger Leser, der sich nicht abschrecken lässt, finden wird "

Fröbel darf – er muss - uns Mühe machen.

Sensibles Umgehen mit Fröbelschem Erbe bedeutet, nicht so zu tun, als hätten wir ihn schon verstanden und wüssten schon alles.

Verstehen bedeutet auch:

  • die pädagogischen, psychologischen, soziologi­schen und anthropologischen Wurzeln seiner Pädagogik stets neu zu befragen und aufzuarbeiten
  • damit aber nicht - um es bildlich auszudrücken - die Asche, sondern die Glut zu präsentieren.

Sprechen wir darüber, in welcher Beziehung das Bemühen um Authentizität zum Recht aufund zur Notwendigkeit vonInterpretationsteht.Interpretieren kann und soll den produktiven, an der Sache und am Menschen orientierten Streit und die Einigung hervorrufen. - Streiten wir uns und sein wir uns einig!

Es bleibt noch eine Menge zu tun, bis wir uns eine Würdigung Fröbels erlauben dürften!

Kindern Zeit für Entwicklung lassen, ihnen Anregung dafür zu geben, dass in ihnen Angelegte zu entäußern – dazu bedarf es der Spielräume und der Spielplätze im wahrsten Sinne des Wortes.

Vor ein paar Jahren war Frau Prof. Ruth Moore aus San Antonio/Texas auf Spurensuche in Thüringen.Nach ihren Motiven befragt, sagte Sie:

We want to learn, how to change our playgrounds from „places of competition“ into “places of play, inspiration and development”.

Wir wollen lernen, wie wir aus unseren Spielplätzen, die “Plätze des Wettkampfes” sind, wieder “Plätze des Spielens, der Anregung und der Entwicklung” machen.

Jeder Ort sollte einen Spielplatz haben ... wie herrlich würden die Früchte sein ...

Wenn es Fröbel gelingt, soWesentliches mit sowenigen Worten so deutlich zu sagen, dann sind das Worte wie Sterne auf dem „walk of fame“ der Pädagogik.

Die Zahl der “Ein-Kind-Familien” steigt ständig. In immer weniger Familien findet Kommunikation zwischen Kindern statt. Lehrer kennen das sogenannte “Montags-Syndrom”. Es äußert sich u.a. in verstärktem Mitteilungs- und Kommunikationsbedürfnis der Kinder. Wie viele Kinder mag es geben, die mitunter zwischen Freitagmittag und Montag­vormittag mit keinemanderen Kind kommunizieren!

Wir brauchen Spielräume für Kinder und Jugendliche, die sie zum Zusammensein, zum Spielen und Kommunizieren motivieren.

Den steigenden Fernseh- und Computer-Konsum zu beklagen bringt nichts!

Wir müssen die Alternativen schaffen.

Da ich aus Schweina bei Bad Liebenstein komme, gestatten Sie mit bitte zu unterstreichen, dass dort eben auch nicht nur Fröbels Grab zu finden ist. Es gibt auch dort Menschen, die Hoffen machen.

Sie haben in Schweina einen von Fröbelschen Formen inspirierten Spielplatz entworfen und gebaut, der von den Kindern gern angenommen und genutzt wird.

In Schweina hat sich eine Kinder- und Jugendkunstschule etabliert, die genau das ermöglicht, was ich hier mit vielen Worten darzustellen versuchte – Kindern und Jugendlichen Anregungen zu geben, das in ihnen Angelegte zu leben, die eigenen Stärken zu entdecken und weiter zu entwickeln.

Und welch eine tolle Idee ist es, Fröbel in einem Hotel so zum Leben zu erwecken, dass es nicht nur Kindern, sondern auch den „großen Kindern“ zur Anregung gereicht.

Keine Angst – ich mache hieraus jetzt keine Würdigung, denn auch diese stünde mir gar nicht zu. -
Zu viele junge Menschen – insbesondere Frauen – verlassen immer noch Thüringen.

Ökonomische Gründe werden als Ursache genannt und häufig fehlende Möglichkeiten, sein Leben interessant und abwechslungsreich zu gestalten.

Aber etwas anderes ist es auch, was junge Menschen zum Bleiben bewegen könnte –Kinderfreundlichkeit.

Sag‘ mir, wo die Kinder spielen.

  • Da, wo sie Zeit, Raum und Anregung finden?
  • Da, wo Zeit und Raum immer knapper werden und Medienberieselung mit Anregung verwechselt wird?

Halten wir in diesen Gedanken bitte noch einmal inne.

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